Bericht über die Jubiläums-Fachtagung vom 7. Oktober 2017 mit dem Thema

Ätherische Öle und Ölmischungen in Medizin Pflege und Aromatherapie

Aromatherapie: Schon die kleinste Dosis zeigt Wirkung
Prof. Dr. Dr. Dietrich Wabner erläutert bei der Fachtagung „Ätherische Öle und Ölmischungen in Medizin, Pflege und Aromatherapie“ zum 20-jährigen Bestehen von OHLAND Naturmedizin wissenschaftliche Grundlagen und Potenziale der Aromatherapie.

(Oktober 2017) Die medizinische Wirkung von ätherischen Ölen ist zwar auf vielen Gebieten schon bekannt und erforscht – ihre Anwendung in der Praxis hinkt aber noch deutlich hinter den Möglichkeiten her. Das war der Tenor des Vortrags von Prof. Dr. Dr. Dietrich Wabner bei der Aromatherapie-Fachtagung in Kassel. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen dabei von der Wundheilung über die Onkologie bis zur Sterbebegleitung und zum Einsatz im Rahmen der Multiresistenz-Problematik. Wabner: „Die klassische westliche Medizin braucht mehr Mut bei der Nutzung natürlicher Heilmittel, insbesondere unter Berücksichtigung der vielfachen Vorteile, über die ätherische Öle verfügen.“ Vor allem weil die Aromatherapie keine alternative, sondern eine komplementäre Medizin anbiete, sei sie in vielen Fällen die angemesse Wahl im Sinne des Patientenwohls.

Komplexität als eingebauter Schutzmechanismus
Gerade am Beispiel der multiresistenten Keime (Stichwort: MRSA und MRE), die immer mehr Krankenhäusern ihre Arbeit erschweren, machte Wabner deutlich, wie sich dieser „großen Tragödie der Medizin“ begegnen ließe, bei der Antibiotika, „eine der großartigsten Erfindungen“, dauerhaft entwertet würden. Der Wissenschaftler übte in diesem Zusammenhang nachdrückliche Kritik unter anderem am Antibiotika-Einsatz schon bei trivialen Problemen sowie an der weitgehend unkontrollierten Verwendung in der Landwirtschaft.

Anfälligkeit der Einstoff-Strategie
Weil Keime schon auf geringste Konzentrationen reagieren, sie die Angriffs-Mechanismen der Antibiotika erkennen und Abwehr-Systeme entwickeln, sei der großzügige Einsatz von Antibiotika dauerhaft schädlich. „Gerade Einstoff-Medikamente, wie sie unsere Medizin bevorzugt, sind wegen ihrer schlichten Struktur besonders anfällig“, warnte Wabner. Bei komplexen Multisubstanzen, wie unverfälscht natürliche, ätherische Öle sie darstellen, haben Erregerkeime deutlich schlechtere Chancen, wenn sie Abwehrmechanismen entwickeln wollten. „Lavendel enthält 120 verschiedene Substanzen, bei Rosen sind es 500 Alkohole, Aldehyde, Ketone, Phenole, Ester, Ether, Okide und dergleichen mehr. Das ist eine mächtige Hürde für die Keime.“

Starke Wirkung gegen Keime
Gleichzeitig wirken, so referierte Wabner unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse, die verschiedenen Substanzen der ätherischen Öle auf mehrfache Weise gegen die Keime. Terpene und Alkohle etwa greifen die Außenhaut von Bakterien an, Phenole sprengen deren Haut, Oxide verletzen den Kern und dergleichen mehr. „Lemongrass-Öl ist in manchen Fällen gegen Staphyllococcus aureus wesentlich effektiver als Penicillin und um ein Vielfaches wirksamer als Streptomycin“, bekräftigte der Chemiker die mitunter außergewöhnlichen antibakteriellen Eigenschaften aller ätherischen Öle. Aufgrund ihrer mannigfaltigen positiven Eigenschaften für medizinische Anwendungen empfiehlt Wabner unter anderem Manuka, Grapefruit und insbesondere Rose.

Wechselseitige Verstärkung
Es gehört neben ihrem Charakter als „Vielstoff-System“ nach Wabners Worten zu den herausragenden Eigenschaften der Öle, dass ihre Wirkungsweise „mehr oder anders als die Summe der Wirkungen ihrer einzelnen Inhaltsstoffe ausfällt“. Synergien sowie wechselseitige Verstärkungen und Abschwächungen führten dazu, dass selbst kleine Anteilsmengen schon wirken. Er machte das am Beispiel von – wie die Chemie sie nennt – „Superstinkstoffen“ deutlich, die in voller Konzentration unerträgliche Gerüche absondern, in einer Verdünnung von 10-4 aber wunderbar duften: „Das ist genauso, wie wenn wir einen Würfelzucker in den Ammersee werfen, einmal umrühren und es schmeckt noch immer süß.“

Schnelle Aufnahme ins Blut
Für die Eignung ätherischer Öle in der alltäglichen Anwendung spricht nach Wabners Erfahrung die schnelle Aufnahme über die Haut ins Blut. „Wir haben Daten vorliegen, dass nach 20 Minuten der größte Teil der Wirkstoffe schon aufgenommen und am Wirken ist“, sagte er bei seinem Vortrag anhand entsprechender Messkurven. „Darüber hinaus sind die Stoffe nach kurzer Zeit auch schon wieder aus dem Körper draußen, ohne Rückstände zu hinterlassen.“ Die Leber erkenne die Eigenschaft als natürlicher Wirkstoff und reagiere entsprechend. Wabner riet daher auch dringend, auf die Reinheit und den unbehandelten Zustand der verarbeiteten Pflanzen und Früchte zu achten, damit keine schädlichen Substanzen „huckepack“ in den Körper gelangten.

Tauglich für Altenpflege und Hospiz
Die Kombination ihrer Eigenschaften öffnet dem Einsatz ätherischer Öle in der Medizin den Zugang zu vielen Anwendungsgebieten, in denen es bis heute keine durchgängigen medikamentösen Lösungen gebe, etwa in der Altenpflege und Hospizmedizin. „Lavendel bei Dekubitus, Lemongrass oder Neroli bei Schlafproblemen, Grapefruit zur Steigerung des Wohlgefühls oder als Linderung bei Magen-Darm-Problemen: Bei vielen Symptomen, die für diese Patientengruppen typisch sind und ihnen das Dasein erschweren, lässt sich mit Aromatherapie wirksam Abhilfe schaffen“, verwies Wabner auf Berichte aus der Anwendungspraxis. Dass auf diesem Gebiet bereits umfassendere Erkenntnisse vorliegen, ist nach Wabners Ansicht darauf zurückzuführen, dass Mediziner für diese Lebensphase ihrer Patienten eher den Mut zu neuen Wegen in der Therapie aufbrächten als in anderen.

Direkt im Limbischen System wirksam
Weil der Duft der Öle an der bewussten Wahrnehmung vorbei direkt ins Limbische System hineinwirkt, entfaltet er zudem auch dort Wirkung, wo Störungen des Bewusstseins vorliegen: Demenz, Koma, Autismus oder psychiatrische Befunde. Damit sind solche Öle – Wabner hob dabei eine Mischung aus Rose und Neroli hervor – auch geeignet, Patienten und deren Angehörigen beim Loslassen zum Zeitpunkt des Sterbens zu helfen: „Dieses Release Oil lockert Verspannungen der Sinne und des Herzens, es weitet die Seele und löst die Melancholie.“

Einsatz in der Onkologie
Wabner berichtete auch von Erfahrungen aus britischen Kliniken, in denen Aromatherapie im Bereich der Onkologie zum Einsatz kommt. Das Spektrum reicht dabei von der topischen Narben- und Strahlenbehandlung über Stimulation bei Müdigkeit sowie Entspannung und Stressminderung bis zur antiinfektiösen Anwendung und der Reduktion von Brechreiz. Bei der Schmerzlinderung entfalte Wintergrün seine Wirkung, „das stärkste Mittel, das uns die Natur auf diesem Feld gibt“. Der Wissenschaftler ist der Überzeugung, dass wir „vom Einsatz der Öle und ihrer Mischungen in der onkologischen Therapie noch viel erwarten dürfen. Man muss sich nur trauen, das schon vorhandene Wissen anzuwenden.“

Kritik nicht gerechtfertigt
Gleich in doppelter Hinsicht nahm Wabner den Kritikern der Aromatherapie den Wind aus den Segeln. Der Vorwurf „Das kann doch ein einzelner Wirkstoff gar nicht leisten“ sei schon deswegen hinfällig, weil ätherische Öle anders als die Monosubstanzen synthetischer Medikamente eben mit einem ganzen Bündel von Wirkstoffen ausgestattet seien. „Das sind komplexe Mischungen, die an vielen Punkten ansetzen.“ Auch der Vorwurf der schnellen Oxidation sei zwar vom Ergebnis her richtig, vom Prinzip her aber verkehre er sich ins Gegenteil. „Das beweist ja nur die antioxidantischen Eigenschaften der Öle“, so Wabner. „Sie sind Radikal-Fänger und daher extrem positiv einsetzbar bei allen anderen Oxidationsvorgängen im und am Körper.“

Bericht von: Ulrich Pfaffenberger, Journalist (http://www.ulrich-pfaffenberger.com)